Vereinigung Demokratischer Juristinnen und Juristen e.V.

Mitteilung

Dankrede von Tirza Flores Lanza

24.10.2010 | Hans-Litten-Preis

Dankrede von Tirza Flores Lanza zur Verleihung des Hans-Litten-Preis am 23.10.2010 in Berlin


Liebe Freundinnen, liebe Freunde

Honduras ist ein kleines zentralamerikanisches Land, das den Meisten von Ihnen möglicherweise bis zum 28. Juni 2009 unbekannt war. Nichtsdestotrotz hatten wir auch vor diesem Datum viele Probleme: ein hohes Niveau an Armut für die Mehrheit der Bevölkerung, eine Armut, die nicht hinnehmbar ist, die ungerechte Verteilung der Reichtümer, die Schwäche der demokratischen Institutionen, Einmischung und Kontrolle in unsere Angelegenheiten seitens des nordamerikanischen Imperialismus. Aber auf die eine oder andere Weise fühlten wir, dass wir begonnen hatten, Räume für die demokratische Beteiligung zu öffnen und Fortschritte in Richtung Rechtsstaatlichkeit zu machen.

Der Putsch zerstörte gewaltsam all das Wenige, das wir mit viel Anstrengung aufgebaut hatten; die Oligarchie, das Militär, die Polizei, die Abgeordneten des Nationalkongresses, die Richter des Obersten Gerichtshofes, der Oberste Staatsanwalt, der Nationale Ombudsmann, die Eliten der katholischen und protestantischen Kirche, die Medien und die traditionellen politischen Parteien – sie alle – unterstützt, finanziert und beraten von der US-amerikanischen Botschaft – sie alle entschieden sich für die Anwendung von Gewalt, um den Fortschritt, den mein Land in Sachen Demokratie gemacht hatte, aufzuhalten. Sie hatten Angst vor der Kraft der Ideen und ließen ein Gespenst aus der Vergangenheit wiederaufleben: das Gespenst der Staatsstreiche.

Aber all diese korrupten und anti-demokratischen Gruppierungen haben das honduranische Volk unterschätzt, sie haben geglaubt, dass wir ihre Gefräßigkeit passiv erdulden würden, doch so war es nicht, der Staatsstreich des 28. Juni 2009 hat eine friedliche Widerstandsbewegung bestärkt, die außergewöhnlich ist und entschieden für die Einsetzung einer verfassunggebenden Nationalversammlung kämpft und zwar als einzigen Ausweg, um die verfassungsgebende Ordnung wiederherzustellen.

Ich stünde nicht vor Ihnen, wenn es nicht diesen heroischen Widerstand des honduranischen Volkes geben würde, deshalb bedanke ich mich mit Bescheidenheit, aber gleichzeitig auch mit großem Stolz für diese Auszeichnung, die nicht mir persönlich gilt, sondern die ich im Namen und als Repräsentantin von Hunderten von Personen und Organisationen in meinem Vaterland, Honduras, entgegennehme; Personen und Organisationen, die Verfolgung, Landesverweisung und Exil erleiden, nur aufgrund der Tatsache, dass sie das einzigartige und grässliche Verbrechen begangen haben, ihre Ideale und Prinzipien gegenüber den Usurpatoren der Macht, die den Staatsstreich vom 28. Juni 2009 weiterhin fortdauern lassen, zu verteidigen.

Ich nehme diese Anerkennung im Namen meiner Kolleginnen und Kollegen, den Richterinnen und Richtern der Vereinigung der Richter für die Demokratie („Asociación de Jueces por la Democracia“) entgegen, die kühn versuchen, im Rahmen eines Justizapparats, der Protagonist beim Bruch mit der verfassungsgebenden Ordnung war, ihre Unabhängigkeit und Unparteilichkeit zu bewahren und die wie eine Stimme der Hoffnung gegenüber dem Widrigkeiten sind.

Ich nehme die Auszeichnung im Namen der Rechtsanwälte und Rechtsanwältinnen im Widerstand entgegen, die genau wie Hans Litten es gegen den Nationalsozialismus in diesem Land getan hat, in Honduras dafür kämpfen, dass den Opfern eines kriminellen Regimes Gerechtigkeit widerfährt.

Ich nehme die Auszeichnung im Namen der Frauen in ihren verschiedenen Organisationsstrukturen an, die allen Widerständen und der stark differenzierten Repression zum Trotz, die ihnen ein patriarchalisches System aufzwingt, massiv auf die Straßen gegangen sind. – Und wir sind teil, dieser Widerstandsbewegung.

Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass ich diese Auszeichnung auch im Namen meiner Familie, meines Vaters, meiner Mutter, meiner Geschwister, meines Mannes, meiner Kinder und anderer Angehöriger entgegennehme , die wir – ebenso wie viele Familien in unserem Land - am eigenen Leib die Wirkungen des Putsches erleiden müssen, aber die wir weiterhin standhaft und vereint auf der Suche nach der Neugründung unseres Landes sind.

Gleichzeitig möchte ich in ganz besonderer Weise meinen Gefährten Guillermo López Lone erwähnen, der neben der Tatsache, dass er mein Mann ist, auch seit fast 30 Jahren mein Gefährte in allen Kämpfen für ein gerechtes und demokratisches Honduras ist. Und ich möchte, dass Sie wissen, dass es ohne seine Initiative und seine Hartnäckigkeit nicht möglich gewesen wäre, dass in unserem Land eine Vereinigung der Richter für die Demokratie existiert; ich jedenfalls glaube, dass diese Auszeichnung genauso ihm wie mir gebührt.

Tatsächlich glaube ich, dass dies eine Anerkennung für das honduranische Volk im Widerstand ist, für all jene Personen, die - namenlos - für ein besseres Honduras Widerstand leisten und für ein solidarischeres und menschlicheres Honduras kämpfen, und sei es zum Preis ihres eigenen Lebens und das ihrer Söhne und Töchter.

Diese Ehrung, die den Namen eines Mannes trägt, der sein Leben dafür gab, die Wahrheit zu suchen und den Opfern des Missbrauchs durch die Mächtigen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, stellt für uns alle, die wir versuchen seinem Weg zu folgen, einen wichtigen Ansporn dar; einem Weg, der voller Angst und Hoffnungslosigkeit ist, der aber auch in der schönsten Verwirklichung gipfeln kann. Außerdem werden durch diese Ehrung die Worte von Hans Litten von 1925 Wirklichkeit: „Wir sind nicht allein in der Welt, und unsere Handlungen oder unsere Unfähigkeit zu agieren sind miteinander durch eine Million von Fasern verbunden, die sich nach Vorne und Zurück in den Organismus der Gesellschaft, in der wir leben, projizieren.“

Die Idee wiederaufnehmend, dass wir nicht allein sind, möchte ich diesen Moment, den mir die Verleihung der Auszeichnung gewährt, nutzen, um Ihnen einige Bitten vorzutragen.

Als allererstes die Bitte: VERGESSEN SIE HONDURAS NICHT! - Wir sind in meinem Land noch nicht zur Normalität zurückgekehrt, der Staatsstreich wurde noch nicht rückgängig gemacht und als Folge davon werden weiterhin Menschenrechtsverletzungen gegen die Bevölkerung in absoluter Straflosigkeit verübt, weiterhin geschehen Morde mit Indizien, dass sie politisch motiviert sind, willkürliche Festnahmen, die Repression der friedlichen Demonstrationen der Bevölkerung, die Kriminalisierung des sozialen Protests, die sexuelle Gewalt gegen Frauen und Personen mit anderer sexueller Orientierung als der heterosexuellen, die Attentate gegen die Meinungsfreiheit, die politische Verfolgung und andere Willkür. Und dennoch - seit der Wahlfarce vom 29. November 2009 sind wir aus der internationalen Medienberichterstattung verschwunden und seitdem wird versucht diese schlimme Situation unsichtbar zu machen.

Deshalb bitten wir Sie darum, sich zu informieren, dass Sie uns helfen, das Schweigen der Medien zu durchbrechen, dass Sie weitermachen mit ihren solidarischen Aktionen, dass Sie Ihrer Regierung überzeugende Handlungen abverlangen, die Druck auf mein Land ausüben, um die Menschenrechte zu respektieren und zur verfassungsmäßigen Ordnung zurückzukehren. In diesem Zusammenhang erscheint es besorgniserregend, dass die Europäische Union weiterhin das Hilfsprogramm für das Sicherheitsministerium finanziert, das die Strukturen der Staatsanwaltschaft und der Nationalen Polizei, die die Hauptprotagonisten der gewalttätigen Repression gegen unser Volk sind, am Leben erhält.

Wir möchten Sie auch um Unterstützung bitten beim schwierigen Prozess der Suche nach der Wahrheit, um diejenigen zu finden, die verantwortlich sind für den Bruch mit der verfassungsgebenden Ordnung und die Verletzung der Menschenrechte, sie in Haftung zu nehmen, die Opfer zu entschädigen und die nicht Wiederholbarkeit dieser Verhaltensweisen zu verlangen.

Dieser Prozess geschieht notwendigerweise durch die Konstruktion neuer Institutionen, da die Straflosigkeit, mit der alle diese Ereignisse geschehen in der Verantwortung der Staatsanwaltschaft, des Obersten Gerichtshofes, des Ombudsmanns, also des Obersten Kommissars für Menschenrechte, und aller Institutionen liegt, die, statt ihre wirklichen Aufgaben zu erfüllen, Protagonisten des Bruches mit der verfassungsgebenden Ordnung waren und sind. Aus diesem Grund ist die einzige Form, Institutionen aufzubauen, die weder die Exklusion reproduzieren noch dem transnationalen Kapital dienen, die Einberufung einer verfassungsgebenden Versammlung unter der weiten Beteiligung der Bevölkerung, was die Neugründung unseres Landes ermöglichen möge.

Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass, wenn der Staatsstreich in Honduras vergessen und die Verantwortlichen nicht bestraft werden, die demokratischen Regierungsformen in der ganzen Welt gefährdet sind, so wie uns die jüngsten Ereignisse in Ecuador und die Bedrohungen, die in El Salvador, Paraguay, Guatemala sichtbar werden, zeigen - um nur einige Fälle zu nennen.

Ich möchte Ihnen auch deutlich machen, dass die willkürliche Entlassung durch den Obersten Gerichtshof in meinem Land, deren Opfer ich war, gemeinsam mit den Richtern Guillermo López Lone, Luis Alonso Chévez de la Rocha und Ramón Enrique Barrios, ein harter Schlag war, nicht nur auf persönlicher und beruflicher Ebene für jeden von uns, sondern auch für die richterliche Unabhängigkeit und die Ausübung der Rechte und Freiheiten der Richterinnen und Richter, obwohl wir standhaft und entschieden unseren Kampf weiterführen.

Zum Schluss möchte ich Ihnen als Botschaft der Hoffnung für meine entlassenen Richtergefährten und für alle Personen, die in meinem Land aufgrund ihrer Ideen Verfolgung und Diskriminierung erleiden, noch folgende Geschichte erzählen:

“Vor mehr als 2000 Jahren, dort unten im antiken Griechenland, nahm sich ein Philosoph vor, herauszufinden, was die Menschen dazu bewegt, einen bestimmten Beruf oder Handwerk zu erwählen. Um das herauszufinden, verließ er Athen und ging zu den Steinbrüchen, die die Stadt umgaben. Er wählte die ärmsten Arbeiter aus, um die Antwort auf seine Frage zu erhalten: die Steinhauer, diejenigen, die von Hand das Innere aus den steinigen Bergen herausholten, die dazu dienten, die großen Bauwerke zu erbauen.

Er fragte den ersten dieser Arbeiter, was er tat und warum er es tat. Die Antwort konnte nicht einfacher und objektiver sein: Siehst Du denn nicht, ich schlage Steine und bereite sie vor. Nicht zufrieden mit dieser Antwort fragte er den nächsten, und dieser antwortete mit sehr gutem Urteilsvermögen: ich arbeite mit diesen Steinen, um mit dem Lohn, den ich dafür erhalte, meine Familie zu ernähren.

Ein bisschen enttäuscht von der Antwort wollte unser Philosoph schon gehen, da sah er einen Arbeiter, der ganz anders als seine Gefährten vorging: mit ganz besonderer Sorgfalt brach er die Steine aus dem Fels, vermaß und säuberte sie und ordnete sie dann in perfekter Ordnung auf dem Boden an. Beeindruckt davon fragte ihn unser Denker: Was tust Du da? Der Mann drehte sich um und während sich sein Gesicht erhellte, antwortete er: Ich baue einen Tempel!“

Das lehrt uns, dass wir uns über die Bedeutung und Transzendenz unserer Arbeit bewusst sein müssen; dass wir trotz der Frustrationen und dem Verdruss weitermachen müssen und uns weiter für die Erfüllung unserer Ideale und Sehnsüchte einsetzen müssen. Dass wir, welche Arbeit wir auch verrichten, wenn wir sie würdig und voller Hingabe ausführen, die Grundlage für eine gerechte, solidarische und zutiefst menschliche Gesellschaft legen.

José Marti, Apostel Amerikas und der universellste der lateinamerikanischen Denker, drückte sich im Rahmen eines ähnlichen Moments der Lobpreisung der Werte treffend mit einem Adagio aus, das niemals an Gültigkeit verliert: „Zu ehren, ehrt.“ Ganz sicher ehrt die deutsche Vereinigung demokratischer Juristinnen und Juristen sich selbst, wenn sie dieses Schmuckstück durch mich an die Kämpfer in Honduras verleiht, das Wichtigste aber ist, dass sie auch die Erinnerung an die erhabene Gestalt, die in Deutschland gegen die Barbarei und für die höchsten Werte der Menschheit kämpfte, ehrt: Hans Litten.

Ich komme jetzt zum Ende meiner Rede und möchte Ihnen noch einmal meinen ehrlichsten und bewegtesten Dank aussprechen: Danke, dass Sie dieses wunderschöne Kapitel in mein Leben geschrieben haben. Danke für all Ihre Aufmerksamkeiten. Es tut mir leid, aber ich kann Ihnen nicht „Lebewohl“ sagen, weil Sie in meinen Gedanken und in meinem Herzen mit mir gehen werden.

Tirza Flores Lanza

 

 




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