Vereinigung Demokratischer Juristinnen und Juristen e.V.

Mitteilung

Volksbegehren "Videoüberwachung" zielt auf ungebremste und uferlose Ton- und Videoüberwachung!

21.03.2018 | Erklärungen


Der Gesetzesentwurf des "Aktionsbündnis für mehr Videoaufklärung und Datenschutz" ist verfassungswidrig. Die Bürgerinnen und Bürger können nicht mehr sicher sein, dass der Staat sie im öffentlichen Raum nicht abhört.

Durch den Gesetzesentwurf wird dem Grundrechtsschutz des Einzelnen und dem Verhältnismäßigkeitsprinzip durch die weitreichende Überwachung aller Bürgerinnen und Bürger keine  Bedeutung mehr beigemessen. Die Eingriffsrechte des Staates sind immer auf ein notwendiges Minimum zu reduzieren. Schon diesen rechtsstaatlichen Grundsatz ignoriert der Gesetzesentwurf. Auch werden die verschiedenen Gesetzeskompetenzen der Länder und des Bundes nicht beachtet.

Ohne Anlass und Grund sollen alle, die sich im Bereich der geplanten umfassenden Videoüberwachung des öffentlichen Raums befinden, überwacht werden, dies an bis zu fünfzig öffentlichen Orten Berlins mit einer absurden Anzahl von 1000 Kameras und anderen Abhörvorrichtungen, die neben der Videoüberwachung auch das gesprochene Wort aufnehmen und auf Vorrat speichern werden.

Die bezweckte Videoüberwachung der unbemerkten und biometrischen Gesichtserkennungsverfahren (§ 24a Abs. 1 Nr. 3 S. 3 ASOG-E) überschreitet klar erkennbar die Grenze der rechtlich zulässigen Überwachung.

Die Initiatoren, die anführen, dass der vorliegende Gesetzesentwurf zur deutlichen Verhinderung von Straftaten führen würde, verkennen, dass durch die Wahrnehmung und Dokumentation von Straftaten im öffentlichen Raum keine einzige Straftat verhindert worden ist und auch nicht verhindert werden kann. Für die grundsätzliche Regelung der anschließenden Verfolgung der Straftaten kann der Berliner Gesetzgeber keine Gesetzeskompetenz  aufweisen, dies ist einzig und allein Kompetenz des Bundes.

Auf die in der rechtswissenschaftlichen Diskussion hingewiesenen schwerwiegenden Gesetzes- und Grundrechtsverletzungen (Gutachten v. 14.01.2018 des Polizeirechtlers Prof. Dr. Fredrik Roggan) vermag auch der geänderte Entwurf der Initiatoren, nur die erweiterte Nichtbeachtung demokratischer Grundrechte als Antwort zu geben.

Das Gesetz beinhaltet Passagen, die mit dem Grundgesetz nicht vereinbar sind. Es fehlt schon an der ausreichenden Bestimmtheit des Gesetzesentwurfes, wann Videoüberwachung als solche erkennbar sein muss. Die Grundrechtsverletzung tritt schon ein, wenn jede Person, egal ob straffällig oder unbescholten, unbemerkt akustisch und per Video überwacht wird. Schon die Kriterien der Installation der Überwachungseinrichtungen sind unklar.

Mit der gleichzeitig geforderten Einrichtung eines Instituts für Kriminalprävention machen die Initiatoren zudem deutlich, dass sie keine hinreichenden Belege dafür besitzen, dass durch Videoüberwachung  Straftaten verhindert werden können. Dass für dieses Institut „der  Polizeipräsident“ zuständig sei, lässt nicht nur die Zuständigkeit sämtlicher Polizeipräsidenten in der Bundesrepublik zu, auch dass das  Institut als Hochschuleinrichtung und zugleich als oberste Landesbehörde fungieren soll, ist unzulässig. Zudem wird dadurch unzulässig in die Haushaltsgrundsätze eingegriffen.

Die Ermächtigung der Weiterleitung personenbezogener Daten von „Polizei und Staatsanwaltschaft“, mithin sämtlicher dieser Organe in der Bundesrepublik, ist nicht von der Gesetzeskompetenz des Berliner Landesgesetzgebers umfasst; auch der damit verbundene stetige Austausch  dieser Informationen zwischen diesem Institut und nicht näher identifizierbarer „Opferverbände“ verstößt gegen das Berliner  Datenschutzgesetz. 

Dass  den Initiatoren im Gesetzentwurf zudem mehrfach die Regelung der Sitzungsgelder für dieses Institut wichtig war, lässt erkennen, dass die  Inanspruchnahme öffentlicher Gelder ein wesentliches Kriterium der Tätigkeit sein soll. 

"Diese Überwachungs-Initiative reiht sich in die besorgniserregende Entwicklung der weiteren Verschärfung von Polizei- und Strafrecht ein. Unter dem Vorwand der Sicherheit werden die Rechte der Bürgerinnen und  Bürger unzulässig weiter beschnitten. Allein im Jahr 2016 wurden in Berlin über 1,3  Mio. Telefonate abgehört. Das Aktionsbündnis will eine neue Stufe der Einschränkung der Bürgerrechte mit der anlasslosen Überwachung der Berlinerinnen und Berliner betreten“, erklärte  Rechtsanwalt Ahmed Abed von der Vereinigung Demokratischer Juristinnen und Juristen (VDJ).

Das Aktionsbündnis konnte nur 25.000 Unterschriften innerhalb von sechs Monaten sammeln. Die Abgeordneten und der Berliner Senat müssen den vorliegenden Gesetzesentwurf und das rechtswidrige Ansinnen der Initiative zur unzulässigen Überwachung und Grundrechtsverletzung zurückweisen.

 

Vereinigung Demokratischer Juristinnen und Juristen, Regionalgruppe Berlin-Brandenburg

Kontaktdaten für Rückfragen
Rechtsanwalt Ahmed Abed
Tel.: 030 28 502 300
Email: berlin@vdj.de


PE_zurVideoueberwachung_VDJ_VereinigungDemokratischerJuristInnen_21032018__1_.pdf83 Ki



Weitere Nachrichten

Für eine offene und freie Gesellschaft Solidarität statt Ausgrenzung! - Demonstration am 13. Oktober 2018 – 13:00 Uhr in Berlin

28.08.2018 | Erklärungen

Bündnis „#unteilbar“ plant Großdemonstration in Berlin gegen Ausgrenzung und Rechtsruck • zivilgesellschaftliche Gruppen und Organisationen haben ein neues Bündnis gegründet • 450 Organisationen und Kulturschaffende haben...>>


Der Anwaltliche Notdienst zum G20 in Hamburg erhält den Hans-Litten-Preis 2018

28.08.2018 | Aktuelles, Hans-Litten-Preis

Die Vereinigung Demokratischer Juristinnen und Juristen verleiht den Hans-Litten-Preis in diesem Jahr an den Anwaltlichen Notdienst zum G20 in Hamburg. Die VDJ will mit der Preis­ver­lei­hung die Verdienste des Anwaltlichen...>>


Über 18.000 aus Ostwestfalen, von Ruhr und Rhein sagen zum neuen Polizeigesetz nein!

28.06.2018 | Mitteilungen

Über 18.000 Menschen haben am 07.07.2018 gegen das geplante Polizeigesetz in NRW und den bundesweiten Ausbau der Polizeibefugnisse demonstriert. Ein breites Bündnis von Fußballfans von Dortmund, Köln, Schalke und Fortuna,...>>


Nachruf: Felicia Langer – eine Kämpferin ohne Heuchelei

28.06.2018 | Mitteilungen

„Meine Lehre aus dem Holocaust bedeutet Menschlichkeit, Mitleid mit den Opfern und Ablehnung von Unrecht...Ich habe das Leid der Palästinenser und ihre unerträgliche Lage mit eigenen Augen gesehen und mit ihnen gelitten. Dies...>>


Zum Gesetzentwurf zur Weiterentwicklung des Teilzeitrechts - Einführung einer Brückenteilzeit

26.06.2018 | Erklärungen

Der Arbeitskreis Arbeitsrecht der VDJ hat zum Kabinettsbeschluss vom 13.06.2018 zum Gesetzententwurf zur sog. Brückenteilzeit Stellung genommen. Hierbei unterstreicht die VDJ insbesondere, dass es sachgerecht wäre, wenn die...>>


Nein zum neuen Polizeigesetz NRW! Kein Angriff auf unsere Freiheit und Grundrechte

09.06.2018 | Erklärungen

Die NRW-Landesregierung plant eine massive Verschärfung des Polizeigesetzes. Noch vor der parlamentarischen Sommerpause soll diese ohne große Diskussion verabschiedet werden. Diese Verschärfung hebelt grundlegende...>>


Präsentation des Grundrechte-Reports 2018

12.05.2018 | Aktuelles

Der diesjährige Grundrechte-Report wird am Dienstag, 29.05.2018, 11.15 Uhr in Karlsruhe, Bahnhofsplatz 2, in der Bibliothek des Schlosshotels von Volker Beck vorgestellt. Für die im Buch beschriebenen Fälle sind stellvertretend...>>